Creative Commons License Der 24V DC Rollladen-Polwender (W010) von Jochen Wienstroth steht unter einer Creative Commons: Namensnennung - Keine kommerzielle Nutzung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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Ich wohne in einer Dachgeschosswohnung, und in dieser wird es trotz einer halbwegs brauchbaren Isolierung im Sommer erschreckend schnell erschreckend warm. Diese Wohnung hat ziemlich viele schräge Dachfenster, und irgendwann war dann auch der Leidensdruck im Sommer größer als die Budgetnöte, und so wurde der Entschluss gefasst, die Fenster mit elektrischen Außenrollläden zu versehen. Die Innenjalousien, die quasi "ab Werk" vorhanden waren taugten immer schon erschreckend wenig zum Hitze-Abhalten, aber erste Versuche mit dunklen Tüchern von außen auf die Scheibe gelegt brachten erstaunliche Ergebnisse.

Leider (so die zwischenzeitliche Erkenntnis) waren die Fenster vom Quasi-Marktführer Velux, der zwar recht brauchbare Fenster baut, sich aber für deren Nachrüstung mit Elektrik sowas von den Hintern vergolden lässt, dass einem echt anders wird. Zu allem Überfluss ist das System, das Velux nutzt, auch noch ebenso teuer wie proprietärer Murx, der zu aber auch gar nichts an Haustechnik kompatibel ist. Andere Hersteller können schlichte 24V DC-Motoren verbauen, die je nach Polungsrichtung auf- oder abwärts laufen, Velux verbaut ein hochkompliziertes sauteures furchtbar empfindliches System mit Datenübertragung im MHz-Bereich auf 24V DC-Versorgungsleitungen und daher unglaublich aufwendigen Netzteilen mit Elektronikschlachten drin. "Früher mal" konnte man Velux-Rollläden auch mit 24V DC und klassischem Polgewende steuern, aber seit einigen Jahren dementiert der Hersteller in seiner Dokumentation heftigst, dass das überhaupt jemals ginge, und wenn man es doch täte, würde einem der Himmel auf den Kopf fallen und Hunger, Not, Elend und Pestilenz über die Welt kommen. (Für Pratchett-Freunde: Ronny, der Milchmann war wieder mal unabkömmlich.)

Trotzdem fand ich nach einiger Recherche im Internet und in Dokumentation von Velux, die in einem tiefen Keller ohne Beleuchtung am Ende der Treppe ohne Geländer hinter der Tür mit der Aufschrift "Vorsicht, Tiger!" versteckt war heraus, dass man wohl auch zumindest die SML-Rollladen-Serie noch mit 24V DC polgewendet ansteuern kann - auch wenn einem die Support-Hotline am Telefon fast schon mit Weltuntergang droht, sollte man dieses auch nur versuchen. Ich habe selten einen Hersteller erlebt, der so hartnäckig versucht hat, potentielle Kunden vom Kauf seiner Produkte abzuhalten.

SML-Rollläden "jungfräulich aus dem Kaddong ab Werk" kann man so lange mit schlichten 24V DC auf- und abwärts fahren, bis sie das erste Mal an einem Velux-Steuergerät (KUX100, auch liebevoll "Kuxmurx" genannt) hingen. Ein Rollladen, der einmal ein solches Steuergerät gesehen hat, reagiert nicht mehr auf Polwenden. Wenn man das eigene Fehlverhalten erkannt hat und die Teile dann doch wieder mit Technik á la Marktstandard ansteuern möchte, hilft nach bitterem Weinen nur folgender Trick zum "ablernen" bzw. "entwöhnen vom Steuergerät": man schließt den Rollladen an ein Kuxmurx an, löst einen Fahrbefehl aus, und während der Rollladen fährt zieht man die Steckverbindung zwischen Rollladen und Steuergerät mitten in der Fahrt ab.

Jetzt kann man den Rollladen so lange mit schlichten polgewendeten 24V fahren, bis man das nächste Mal den Fehler macht, ihn an ein Kuxmurx anzuschließen. Auch wenn einem die Velux-Hotline in schaurigen Weltuntergangsszenarien versucht, das Gegenteil weiszumachen: Die Rollläden können das erstaunlich gut ab. Meine Rollläden sind jetzt schon ca. 7-8 Jahre alt, im Winter mehrfach unter Schnee und Eis am Rahmen festgefroren oder durch Eisbrocken beim Aufwickeln blockiert gewesen - die Überstromabschaltung funktioniert zuverlässig und sicher und auch die erstaunlich fragile Plastikmechanik macht das bis heute alles völlig problemlos und ohne erkennbaren Schaden mit.

ACHTUNG WICHTIGES UPDATE: Vermutlich im Rahmen eines internen KVP-Audits (KontinuierlicherVerschlechterungsProzess) haben die Produktmanager für elektrische Rollläden bei Velux festgestellt, dass man erheblich ruhiger und ungestörter arbeiten könnte wenn nicht ständig irgendwelche Kunden irgendwelches Zeugs kaufen wollten. Daher hat man sich Anfang 2014 entschieden die Firmware der Rohrmotoren so zu ändern, dass diese zwar jungfräulich ab Werk aus dem Kaddong noch mit 24V polgewendet laufen, aber sobald sie einmal ein Kuxmurx gesehen haben NIE WIEDER abgelernt werden können und ab diesem Zeitpunkt für Besitzer klassischer Hausautomatisierung nutzloser Elektroschrott sind. Am Kuxmurx und anderen hochproprietären hochpreisigen Lösungen von Velux verrichten sie natürlich dann auch weiterhin ihren Dienst (Quelle). Wer seine Rollläden also mit bewährter, einfacher, robuster Technik ansteuern möchte sollte da also ab sofort bloß keine Experimente mehr wagen.

Ich habe in meiner Wohnung (bis jetzt) 7 SML06-Rollläden. Um diese anzusteuern, braucht man nach einfacher Überschlagsrechnung 14 Relais mit Umschaltkontakt. Das kann man sich natürlich alles von Hand auf Lochraster verdrahten (hab ich auch die ersten Jahre so gemacht) oder als einzelne Hutschienen-Relais kaufen, muss man aber nicht. Irgendwann packte mich der Ehrgeiz, und im Rahmen einer eh anstehenden Haustechnik-Modernisierung wurde die bis dahin existierende Lochraster- Fädel-Lösung durch was "seriöses" selbstentwickeltes ersetzt. Last-taugliche Relais-Schaltkontakte kann man immer gebrauchen, und man möchte mit seiner (üblicherweise Schutzkleinspannungs-)Haustechnik auch regelmäßig mal 230V Lasten steuern, da bot sich eine universelle Ansteuerungs-Lösung mit ordentlichem Potentialgraben und sicherer Trennung durch Luft- und Kriechstrecke an.

Aus einem anderen Projekt waren noch reichlich Hutschienengehäuse "HUT 2C" über (gibt es bei Reichelt, Schukat, dem schlimmen Conrad und Anderen), die sich dafür anboten. Auch wenn die "Schaltung" eher Elektromechanik als Elektronik ist, so war es doch erstaunlich aufwendig, das alles halbwegs saugend ins Gehäuse zu packen bzw. die zum Gehäuse passenden Aufzugsklemmen zu finden. So sieht der ansonsten eher triviale Schaltplan aus:

Schaltplan Rollladen-Polwender

Schaltplan des 24V DC Rollladen-Polwenders

Die Sicherung ist mit 0,8AT ziemlich passend für SML06 ausgewählt, je nach Rollladen oder anderer zu schaltender Last kann diese natürlich angepasst werden. Halter, Relais und Kupferdicke der Platine lassen hier den Einsatz von bis zu 6,3AT Sicherungen zu.

Auf der linken Schaltplanseite findet sich die 3polige Klemme zum Anschluss der Steuerleitungen. In der Schaltung sind bewusst KEINE Freilaufdioden vorgesehen, wer solche einsetzen möchte, muss sie "von außen" mit in die Schraubklemme X1 hineinklemmen oder auf seiner Ansteuerschaltung vorsehen. Nach Lehrbuch sollte man Freilaufdioden zwar direkt an der Relaisspule anbringen, aber der Verzicht auf die Dioden bringt den charmanten Vorteil, dass man das Rollladen-Steuermodul sowohl für Ansteuerungen mit gemeinsamer Masse (Highside-Treiber) als auch für Ansteuerungen mit gemeinsamer Versorgungsspannung (Lowside-Treiber oder Open-Collector-Transistoransteuerung o.ä.) einsetzen kann. Die verwendeten Relais sind ein typischer Marktstandard, es gibt da 1000ende Hersteller und Spulenspannungstypen je nach Wunsch in 5V, 12V oder 24V. Meine Haustechnik-Ansteuerung wünschte sich 5V Spulenspannung, also sind in der Stückliste auch 5V-Typen enthalten. Die beiden Kontroll-LEDs sind ein ganz netter Gimmick, ich fragte mich, wie ich die diversen überzähligen Löcher im Gehäuse zubekomme und kam irgendwann auf die Idee, da relativ hochbeinig (19mm über Platinenoberseite oder "nach Augenmaß 1-2mm höher als die Schraubklemme X1") einfach 3mm LEDs hineinzusetzen. Passt erstaunlich gut. Die LEDs zeigen an, ob und wenn ja in welche Richtung der Rollladen gerade fahren soll - und im Zweifelsfalle auch, ob die Sicherung gerade durch ist ;). Die Sicherung ist mehr für den Fall, dass jemand aus Versehen eine Spax-Schraube in das Kabel zum Rollladen dreht, selbst ein blockierter Rollladen bringt dank recht zuverlässig funktionierender Überstromerkennung die Sicherung nicht zum exothermen Trennen ;).

Innenansicht des 24V DC Rollladen-Polwenders

Innenansicht des 24V DC Rollladen-Polwenders

Wie man auf diesem Bild erkennt, hatte ich in der Grabbelkiste noch einige Restbestände 2poliger Aufzugsklemmen herumfliegen, da die Dinger anreihbar sind, kann man zumindest auf der rechten Seite je nach Fundus 2 dreipolige oder 3 zweipolige Klemmen einsetzen. Wenn man die Klemmen sowieso kaufen muss, dann sollte man allerdings 2 dreipolige Klemmen nehmen - aus Gleichteilegründen (mit der linken Seite) und weil 2 dreipolige Klemmen billiger sind als 3 zweipolige. Ebenso fanden sich in meiner Grabbelkiste aus Altprojekten noch größere Mengen des RY210005 von Schrack, daher ist auch da ein anderer Typ verbaut, als der billige Standard-Taiwanese von Reichelt. Die 24V-Versorgungs- Klemmen sind ganz bewusst doppelt ausgeführt, um einem das Kaskadieren und Weiterverdrahten bei mehreren Steuerungsmodulen nebeneinander auf einundderselben Hutschiene etwas zu vereinfachen:

Kaskadierung mehrerer Polwender-Module

Kaskadierung mehrerer Polwender-Module

Wenn man die Module nutzen möchte, um statt 24V DC Rollläden klassiche 230V-Verbraucher zu steuern, so muss man unbedingt daran denken, R1, P1 und P2 NICHT zu bestücken und die mit GND beschriftete Klemme auf der Versorungs-Seite unbeschaltet zu lassen - nur so funktioniert die Geschichte mit den nötigen Isolationsabständen und der Luft- und Kriechstrecke. Dann kann man mit einem Steuerungsmodul entweder 2 beliebige Verbraucher steuern oder einen 230V AC~ Rollladen-Rohrmotor, allerdings ist pingeligst darauf zu achten, dass bei 230V AC~ Rollladen-Rohrmotoren bloß nicht beide Relais gleichzeitig angezogen werden, das könnte ziemlich schmurgeln. Andererseits hat man dieses Problem auch mit jeder anderen Form von Ansteuerung bei den Rohrmotoren, wenn man nicht gerade die bewußt mechanisch verriegelnden normalen Schalter nimmt.

Schalten von 230V-Lasten mit den Steuerungsmodulen

Schalten von 230V-Lasten mit den Steuerungsmodulen

Innerhalb des Steuerungsmoduls sind die Luft- und Kriechstrecken auf 7mm ausgelegt, das sollte sowohl für die Anforderungen der EN50428 (ESHG, klassische moderne Haustechnik) als auch EN60950 (klassische IT-Norm) in ÜK3 und Verschmutzungsgrad 2 reichen. Wenn das Modul 230V schaltet ist es eventuell sinnvoll, unter die Platine noch eine Isolierplatte aus Kunststoff o.ä. zu legen, da sonst die (üblicherweise geerdete) metallene Hutschiene an der Stelle der Rastnasen in die Innenseite des Gehäuses hineinragt und die Luftstrecke zum 230V-Potential der Schaltung nicht ausreicht. Menschen, die Freude an der Defäkation von Korinthen haben, setzen natürlich ausschließlich Relais mit VDE-Zulassung ein (die in der Stückliste angegebene Reichelt-Billich- Taiwan-Hausmarke hat eine solche Zulassung).

Nach reichlich Mechanik-Arbeit war es dann so weit, und irgendwann konnte ich auch endlich meinen Lochraster-Verhau zur Ansteuerung der Rollläden durch "was Richtiges" ersetzen:

5 Rollladen-Polwendermodule aufgereiht

5 Rollladen-Steuerungsmodule aufgereiht

Noch ein Tip aus der Praxis: Meine SML06 sind unglaublich mimosig, was die Stabilität der Versorgungsspannung angeht. Wenn diese beim Einschalten zu sehr einbricht, fahren sie gar nicht erst los. Dies führte dazu, dass ich anfangs die Rollläden immer nur einzeln nacheinander fahren konnte (obwohl das Netzteil noch reichlich verfügbaren Ausgangsstrom hatte und an den Versorungs-24V auch 24V anlagen, wenn der Rollladen fuhr), erst als ich einen brachial dicken Plättungskondensator von 4700µF/40V direkt an den Steuerungsmodulen auf die Versorgung geklemmt habe war Ruhe und ich konnte auch alle 5 Rolläden gleichzeitig einschalten und fahren.

Andere Menschen behaupten wiederum nicht das Einbrechen der Versorgungsspannung beim Einschalten wäre das Problem warum die Rollläden herummimosieren, sondern der Versuch ebendieser, nach dem Einschalten "mal rasch" über die Stromleitung zu kommunzieren mit anschließendem Verweigern des Dienstes wenn man einen anderen Rollladen in Kommunikationsreichweite findet. Daher empfehlen diese Menschen dann den Einsatz von 1µF 63V Folie direkt am Rollladen. Ich hab da noch nicht genauer investigiert - im Zweifelsfalle (da es nichts kostet) einfach beides machen - Gürtel und Hosenträger zusammen haben auch noch niemandem geschadet. Bei mir tun die 4700µF direkt auf der Versorgung der Steuerungsmodule, ich hab das Problem also nicht mehr und in meiner Freizeit Schöneres zu tun als Hightech-Murks hinterherzuinvestigieren ;).

Die Dokumentation zum Projekt (Schaltplan, Layout als PDF und CWK, Stückliste & Bestückungsplan) steht als W010Z001_Polwender.zip unter Creative-Commons CC-BY-NC-SA zum Download zur Verfügung.

Wer die Platine brauchbar findet und selbst einsetzen möchte, aber keine Lust hat, sich selbst mit den im Archiv enthaltenen Daten Leiterplatten bei einem Poolservice zu bestellen oder selbst zu ätzen, der kann sich gerne über die im Impressum angegebene Mehl-Adresse bei mir melden. Ich habe noch reichlich Leiterplatten über und kann diese für 7€/Stück zzgl. Porto anbieten.
Falls das von Interesse ist: Ich habe auch noch einige Materialsätze komplett da, Bausätze kann ich in 5V und 24V Spulenspannung anbieten (35€/Stück zzgl. Porto), fertig montierte Komplettgeräte für 40€/Stück (auch wieder zzgl. Porto).

Weil die Frage immer mal wieder kommt: 230V AC Spulenspannung kann ich NICHT anbieten. Im Prinzip ist das verwendete Relais zwar ein Standard-Footprint und es müsste (!) auch Anbieter von Relais mit diesem Footprint geben, die 230V AC Spulenspannung können, aber ich hatte bisher weder Lust noch Nerv noch eine entsprechende Anfrage, die dahintersteht, um da mal einen Lieferanten für eine Mindestmenge aufzutreiben. Wer also seine Velux-Rollläden mit 230V ansteuern möchte, muss sich selbst darum kümmern, ob und wo er entsprechende Relais herbekommt. Nackte Platinen liefere ich gerne, aber der Rest ist nicht mein Problem. Die meisten Leute, die bei mir nach 230V Spulenspannung fragen lösen das Problem dann so, dass sie mit etwas Nachdenken oder Umplanen doch irgendwoher einen potentialfreien Kontakt auftreiben und dann mit 24V Spulenspannung arbeiten. Die Einhaltung vorgeschriebener Abstände zwischen Schutzkleinspannung und 230V in der Umgebung dieses Kontakts ist in diesem Falle dann logischerweise auch in der Verantwortung des Verbauers und eine Geschichte, für die ich keinerlei Verantwortung übernehmen kann. (Mir wurde zugetragen, dass die meisten Menschen dann diese Frage geflissentlich ignorieren.)

Aktueller Restbestand Leerplatinen W010L001V001: 37 Stück.
Aktueller Restbestand Fertigmodule 24V W010Z002V001: 3 Stück.

Und die Moral von der Geschichte bzw. das Ergebnis des ganzen Aufwands: Seit ich die elektrischen Rollläden habe und mir für meine Haustechnik einen cron-job programmiert habe, der diese hübsch je nachdem wie die Sonne ums Haus herumwandert automatisch auf- und zufährt, sind es im Sommer bei mir üblicherweise 5°C weniger in der Wohnung. Und die spürt man wirklich deutlich....

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Letzte Änderung: 2017-06-30 JWie